Tenkara-Fliegen

Tenkara-Fliegen (Tenkara Flies)

Traditionelle japanische Tenkara-Fliegen

Kebari ist die japanische Bezeichnung für eine Tenkara-Fliege, die beim Tenkara-Fischen in den Hochlandbächen Japans eingesetzt wird. Im Westen wird häufig eine bestimmte Kebari als Synonym für alle Tenkara-Fliegen benutzt. Bei dieser Kebari handelt es sich um eine Sakasa Kebari, eine einfach gebundene Fliege mit nach vorne (d.h. in Richtung Hakenöhr) gebundenen Hecheln. Wer jedoch glaubt dies sei die einzige fängige Tenkara-Fliege, der irrt leider.

Varianten der japanischen Tenkara-Fliegen

Die Sakasa Kebari oder reverse hackle kebari wird oft als die Tenkara-Fliege bezeichnet. Jedoch kennt der Japaner mehr Kebari-Fliegen als mancher Europäer denkt. Der Japaner Yoshikazu Fujioka hat traditionelle Tenkara-Fliegen gesammelt und auf seiner Webseite  klassifiziert. Allein für die traditionellen Tenkara-Fliegen unterscheidet er sechs verschiedene Grundmuster:

  • SOFT/LONG/NORMAL HACKLE PATTERN (weiche und lange, normal ausgerichtete Hecheln)
  • SOFT/LONG/REVERSE HACKLE PATTERN (weiche und lange, revers ausgerichtete Hecheln)
  • SOFT/SHORT/NORMAL HACKLE PATTERN (weiche und kurze, normal ausgerichtete Hecheln)
  • SOFT/SHORT/REVERSE HACKLE PATTERN (weiche und kurze, revers ausgerichtete Hecheln)
  • STIFF/SHORT/NORMAL HACKLE PATTERN (steife und kurze, normal ausgerichtete Hecheln)
  • STIFF/SHORT/REVERSE HACKLE PATTERN (steife und kurze, revers ausgerichtete Hecheln)

Mit seinen Analysen kann Yoshikazu Fujioka zeigen, dass die Mehrheit der japanischen Tenkara-Fliegen das Muster Stiff/Short/Normal aufweist. Die Sakasa Kebari mit dem Muster Soft/Long/Reverse ist in Japan vergleichsweise selten. Darüber hinaus kann er auch zeigen, dass heute unzählige Kebari-Muster in verschiedenen Farben existieren. Die Muster dieser Kebari-Fliegen variieren von Gegend zu Gegend und von Bachsystem zu Bachsystem. Allgemein sind diese Fliegen relativ einfach gebunden. Aber auch wenn diese Fliegen im Vergleich zu westlichen Fliegen-Mustern relativ einfach gebunden sind, kann die eine oder andere eine Verwandtschaft zu westlichen Fliegen nicht verbergen.

Beispiel für eine käuflich erworbene Reverse Hackle Kebari

Abb. 1: Beispiel für eine käuflich erworbene Reverse Hackle Kebari

Mythos Kebari: die Diskrepanz zwischen vorhandenen und verwendeten Fliegen-Muster

Wie bereits dargelegt benutzen auch die modernen japanischen Tenkara-Fischer verschiedene Tenkara-Fliegen für den Fang von Salmoniden in unterschiedlichen Bächen und Regionen Japans. Die verschiedenen Tenkara-Muster haben sich im Laufe von mehreren hundert Jahren entwickelt und sind heute typisch für die unterschiedlichen japanischen Regionen. Man kann davon ausgehen, dass die Diversität der japanischen Fliegenmuster in der unterschiedlichen Verbreitung der Nahrungsorganismen (Insekten) zu suchen ist.

Obwohl die japanischen Mustervarianten insgesamt ein beachtliches Spektrum aufweisen, benutzt der japanische Fischer in der Praxis meist nur sehr wenige davon. Der Grund hierfür war für die Europäer lange Zeit ein großer Mythos, schließlich verhält sich der europäische Fliegenfischer oft genau gegenteilig. Der westliche Fliegenfischer gibt oft der Fliege die Schuld an einem geringen Fangerfolg. Er verbringt viel Zeit damit die optimale Fliege zu finden und zu binden. Dadurch hat sich im Laufe der Jahrhunderte das enorme Spektrum an westlichen Fliegenmustern ergeben.

Tenkara Fly Fishing verfolgt dagegen einen ganz anderen Ansatz. Japanische Tenkara-Fischer besitzen eine erstaunliche Genauigkeit bei der Fliegen-Präsentation und ein erstaunliches Drift-Management beim Führen der Fliege in schnell fließenden Gewässern. Bedingt durch die perfekte Präsentation kann das verwendete Fliegen-Muster einfacher gestaltet sein als bei den westlichen Kollegen. Im Idealfall wird die Kebari dem Zierfisch direkt vor die Nase platziert, so dass es die Fliege gar nicht lange beobachten und analysieren kann. Dadurch kann bei der Tenkara-Technik auf die Verwendung verschiedener Muster verzichtet werden.

Westliche Muster der Tenkara-Fliegen

Tenkara-Fliegen für Tenkara-Puristen

Auch in der westlichen Welt gibt es viele Fischer, die in ihr Hobby sehr puristisch ausüben. Da die verschiedenen Typen der Tenkara-Fliegen im Westen oft nur wenig bekannt und zudem schwer erhältlich sind, beschränken sich viele Fischer auf Sakasa Kebari und ihre Varianten. Grundsätzlich gibt es dagegen nur wenig einzuwenden. Eine gut geführte und exakt platzierte Sakasa Kebari ist durch ihre pulsierenden langen Hecheln für fast alle Fische sehr verführerisch. Wer jedoch wie die japanischen Kollegen auf wenige Muster setzt, muss eine perfekte Technik beherrschen. Zudem sollte er in der Lage sein das Gewässer „lesen“ zu können. Dem weniger gut geschulten Tenkara-Anfänger entgeht dadurch womöglich einiges an Beutefischen. Hier kann ein Umdenken zu mehr Fangerfolg führen. Gerade bei Anfängern spricht nichts gegen eine Synthese aus Tenkara-Fischen und westlichem Fliegenfischen. Das kann zu größerem Fangerfolg und dadurch zu mehr Spaß beim Fischen führen.

Modernes Tenkara-Fischen: eine Synthese aus verschiedenen Angeldisziplinen

Alle europäischen Salmoniden sind Räuber und ernähren sich daher carnivor. Als Nahrung kommen also nur lebende Organismen in Frage. Im Sommer zählen vor allem die häufig in Massen vorkommenden Insekten zu ihrer bevorzugten Beute. Dabei beschränkt sich das Nahrungsspektrum nicht nur auf flugfähige Insekten. Auch deren im Wasser lebenden Larvenstadien werden als Nahrung akzeptiert. In den Jahreszeiten in denen Insekten selten sind, steigen die Salmoniden auf andere Beuteorganismen wie Fische um. Dieser Sachverhalt ist westlichen Fischern schon seit Jahrhunderten bekannt. Aus diesem Wissen entstand das westliche Fliegenfischen, das eine eher kurze Rute mit Rolle und langer Schur benutzt. Das westliche Fliegenfischen ist also ähnlich alt wie das japanische Tenkara-Fischen. Auch in Sachen Tradition steht das Fliegenfischen dem Tenkara-Fischen um nichts nach und es wurden im Laufe der Jahrhunderte viele artifizielle Fliegenmuster entwickelt. Die bekannten westlichen Fliegen-Muster lassen sich grob in folgende Gruppen einteilen lassen:

  • Streamer
  • Nymphen
  • Naßfliegen
  • Trockenfliegen

Während mit Streamern häufig Fische nachgeahmt werden, stehen Trockenfliegen für an der Wasseroberfläche treibende Wasserinsekten. Nyphen und Naßfliegen ahmen eher die entsprechenden Larvenstadien oder Aufsteiger nach. Mit diesen Fliegen lässt sich also ein großer Anteil des Nahrungsspektrums von Salmoniden nachahmen.

Moderne Tenkara-Fischer haben längst erkannt, dass sich europäisches Fliegenfischen und Tenkara Fly Fishing ideal kombinieren lassen. Die meisten westlichen Fliegen-Muster lassen sich problemlos auch an einer Tenkara-Rute verwenden. Gerade beim Nymphen-Fischen bietet die straff gespannte Schur mehr Kontakt zur Fliege und damit einen großen Vorteil. Dadurch gelangt man zu einer gelungenen Synthese verschiedener Angeltechniken. Puristen aus dem Bereich der klassischen Fliegenfischer sei jedoch gesagt, dass Tenkara kein Ersatz für ihre eigene Technik darstellt. Tenkara ist allenfalls eine Alternative, die jeder einmal probiert haben sollte.

Kaufen oder selbst binden?

Ob man Tenkara-Fliegen kauft oder selbst bindet ist eine Geschmacksfrage. Wer selbst bindet kann innerhalb kurzer Zeit viele verschiedene Fliegenmuster erstellen und auf ihre Tauglichkeit im eigenen Gewässer testen. So kann der Tenkara-Fischer zu jeder Jahreszeit ein fängiges Fliegenmuster bereithalten. Außerdem gibt es im Internet viele gute Bindeanleitungen auf die man aufbauen kann.

Für das Fliegenbinden benötigt man jedoch ein gewisses manuelles Geschick sowie einen Bindestock und eine gewisse Auswahl an Bindematerial. Daher kann der Kauf von Tenkara-Fliegen – insbesondere für Gelegenheitsfischer – eine Alternative darstellen.